Haben Sie sich je dabei ertappt, wie Sie immer wieder das gleiche Motiv fotografieren – dieselbe Straßenecke, denselben Baum, dasselbe Licht? Bei vielen Fotografen und Designern löst dieser Drang Scham aus. Als ob Wiederholung ein Mangel an Kreativität wäre. Doch das Gegenteil stimmt oft. Wiederholung kann die eigene Handschrift schärfen wie kaum eine andere Übung. Ein gutes Beispiel dafür findet sich auf der Thomas Spitzer Webseite. Wer die Arbeiten dort betrachtet, erkennt schnell: Hier arbeitet jemand mit einer klaren Bildsprache, die sich durchzieht wie ein roter Faden. Nicht Monotonie, sondern Variation in engen Grenzen.
Ich habe in einer Redaktion gelernt, dass der Druck, immer etwas Neues zu liefern, oft das Handwerk killt. Reporter hetzen von Termin zu Termin und vergessen, dass gute Bilder nicht originell sein müssen – sie müssen klar sein. Klarheit entsteht durch Wiederholung. Ein Porträtfotograf, der jeden Abend dasselbe Fensterlicht auslotet, wird irgendwann mühelos wissen, wo die Schärfe liegen muss. Wieso also verlangen wir von uns selbst ständig den großen Bruch?
Die Gefahr der ständigen Abwechslung
In einer Flut aus Social-Media-Posts drängt uns der Algorithmus zu immer neuen Sujets. Das Ergebnis sind tausend verschiedene Motive ohne jede Tiefe. Ein Freund von mir fotografiert seit Jahren nur noch sein Frühstücksei – jeden Morgen unter demselben Leuchtmittel. Klingt absurd? Inzwischen hat seine Serie Preise gewonnen. Die Beschränkung zwang ihn, Nuancen zu sehen, die anderen entgehen. Genau diese Nuancen fehlen oft in Arbeiten, die wild zwischen Streetfotografie und Hochglanzporträt springen.
Wer sich auf wenige Themen konzentriert, kann Handwerk routinieren und trotzdem Neues entdecken. Das ist kein Widerspruch. Denken Sie an Jazzmusiker: Sie spielen immer wieder dieselben Standards und finden doch jedes Mal andere Akzente. Für visuelle Arbeiten gilt dasselbe.
Warum Wiederholung den Blick schult
- Sie zwingt zur Auseinandersetzung mit Lichtverhältnissen unter wechselnden Bedingungen am gleichen Ort.
- Sie trainiert das Auge für minimale Abweichungen in Komposition und Farbe.
- Sie reduziert Entscheidungsmüdigkeit – wer seinen Stil kennt, muss nicht jedes Mal das Rad neu erfinden.
- Sie macht Sie immun gegen den Trend des Tages; Sie entwickeln eine eigene Linie statt Mode zu folgen.
- Sie liefert Ihnen einen wiedererkennbaren Code für Ihr Publikum; Konstanz wirkt professioneller als permanenter Wechsel.
- Sie schützt vor Überforderung durch endlose Motivjagd; statt allem hinterherzulaufen arbeiten Sie in Ihrer Komfortzone bewusster.
Natürlich kann man übertreiben. Wer nur noch ein einziges Motiv ablichtet, landet schnell im Selbstplagiat. Die Kunst liegt im Maß: sich einen engen Rahmen setzen und innerhalb dieses Rahmens spielen. Ein guter Test ist, dieselbe Szene im Monatsrhythmus festzuhalten – bei Regen, Nebel, Schnee oder Mittagshitze. Plötzlich wird klar, wie sehr die Umgebung variiert, während Ihr Standpunkt gleich bleibt.
Ich frage mich manchmal, ob unser Kulturschaffen nicht unter einer Angst vor der Langeweile leidet. Dabei ist Langeweile die Nährlösung für Tieferes. Wenn Sie das nächste Mal einen Serientrieb verspüren – widerstehen Sie nicht sofort. Lassen Sie ihn laufen und beobachten Sie, wohin er führt.